6. Oktober 2018

Markentag Faszination Freimaurer

 
 

Um die Freimaurer ranken sich seit Jeher Mythen – auch auf der Bühne der österreichischen Innenpolitik wurden diese immer wieder skandalisiert und nicht Zuletzt bei der Bundespräsidentenwahl instrumentalisiert. Herkunft und Mysterium, Marke und Markenführung sind geheimnisumwoben – aber der Brand Club Austria hatte einen exklusiven Vormittag lang Zutritt in eine der ältesten Freimaurer-Logen der Welt. Ihr Meister vom Stuhl zeichnete ein gänzlich anderes Bild um die humanistische Ideologie hinter dem Geheimbund. Was macht die Freimaurer zur Marke?

Ohne den Mythos und ohne die „angedichtete Weltverschwörungstheorie“ (über die Verantwortung von der französischen Revolution bis zu amerikanischen Präsidenten) wollte uns der Meister vom Stuhl der Bamberger „Freimaurer-Loge zur Verbindung an der Regnitz“, Präsident des Berufsverbandes Stadtmarketings Bamberg, Fraktionsvorsitzender der SPD in Bamberg und „Deutscher Kulturmanager des Jahres 2014“, Klaus Stieringer präsentieren. Aber allein schon das Betreten des Tempels der Bamberger Loge und die feierliche Ruhe inmitten der Bilder und Symbole erzeugten eine mystische Atmosphäre.

Kein Wunder – wir durften als erste Gruppe von Profanen (Nicht-Freimaurern) seit ihrer Gründung 1871 im Tempel „tagen“, in einem frisch renovierten, fensterlosen Raum mit dimmbarem Licht, Kerzen und Thron. „Das liegt daran, dass die Bamberger „Loge“ anders, moderner und offener ist als andere in DACH“, erklärte Klaus, und daran, dass nebenan eine Wanderloge tagte und nur der Tempel frei war.

Das Setting war ungewöhnlich: Wir saßen im Sesselkreis, vor uns der Thron, der Platz für den protokollierenden Bruder und daneben der des aufzeichnenden Redners (vor Jahrhunderten wurde von dieser Position aus das Tagwerk für den Bau von Kathedralen in den Sand am Boden gezeichnet). Hinter uns, natürlich ebenso unbesetzt: die Plätze für zwei Aufseher und der Platz des Zeremonienmeisters, der mit seinem Stab an den Ablauf erinnert, wenn jemand etwas vergessen sollte (heutzutage zum Beispiel das LED-Licht zur Nachahmung der aufgehenden Sonne).

Zutritt zu einer mystischen Marke: Die Freimaurerei und die Bamberger Loge

Seit 302 Jahren gibt es die moderne Freimaurerei, wobei sich die ersten Logen im 12. und 13. Jahrhundert als hoch spezialisierte Steinmetzzünfte bildeten. Diese waren in der Lage, Kathedralen zu bauen. Ihre Mitglieder, Bauplaner und ausführende Architekten, zogen durch unterschiedliche politische Systeme und Wertesysteme, da sie weltweit arbeiteten. Man schuf daher ein gemeinsames Wertetableau, den Humanismus: Der Mensch steht im Mittelpunkt, nicht das gerade geografisch gültige Wertesystem.

„Man muss ein gottesfürchtiger Mensch sein, aber an welchen Gott man glaubt, ist egal“, beschrieb uns Klaus das erste Aufnahmekriterium. In der Bamberger Loge gibt es v.a. Katholiken aber auch Protestanten, Juden und Muslime. Obwohl religiöse Themen nicht diskutiert werden, sind immer wieder Religionsvertreter zu Vorträgen eingeladen.

Sich mit Themen wie Philosophie, Geschichte und sich selbst auseinanderzusetzen ist in der heute schnelllebigen Zeit ungewöhnlich. Für die Freimaurer ist das Innehalten und der Blick darauf, was in uns und um uns passiert aber seit jeher zentral: „Wie in der Physik wollen Viele einfache Antworten auf komplexe Fragen finden. Genau das macht die Freimaurerei eben nicht, und auch deshalb ranken sich Mythen.“, erläuterte Klaus das Geheimnisvolle und zitierte:

„Du erkennst den Zustand einer Gesellschaft mit dem Umgang ihrer Philosophen. Die deutschen Philosophen fahren Taxi.“


Der aktuellen gesellschaftlichen und politischen Situation sind die Freimaurer trotz ihrer Innenkehr aber stets zugewandt: Der Freimaurer und Kommandant Dehler forderte bereits 1948 dazu auf, gesellschaftliche Gräben zuzuschütten – und gerade wenn sie größer werden , die Nationen zum Gespräch einzuladen. „Das war mein Vor-Vorgänger und seine Zitate sind heute auch anzuwenden.“

Auf den Zutritt von Frauen zu den Freimaurern angesprochen führte Klaus aus: „Es gibt bereits gemischte Logen, aber auch strikt getrennte Frauenlogen und Männerlogen. Die älteste ist die Forschungsloge, die nur Wissen sammelt und in der Männer und Frauen gleichberechtigt zusammenarbeiten.“ Die Eröffnungsrede nach der Renovierung hatte die Vorsitzende der Frauenloge gehalten – ungewöhnlich für viele Männer. „Aber Markenbildung braucht Umprogrammierung – dann denken sich die Männer „geht ja“.“

Jede Loge lebt es anders, die Wiener Freimaurer würden sich wundern, dass hier Frauen vom Brand Club in der Bamberger Loge sitzen, meinte Klaus: „Die Wiener haben eine lange Liste an Worten, die man nicht verwenden darf: Loge, Freimaurerei. Das ist in Ordnung, weil jede Loge lebt es anders.“ Die Freimaurerei wirke eben persönlich:

Durchdrungen von Freigeistern, Kreativen und Künstlern. „Ich werde nie jemandem sagen wie man lebt!“ Um sich auf die humanistischen Ideale der Freimaurerei konzentrieren zu können, werden starke Symbole angewandt:

Die Symbole und Codes zum „Tempelbau der Humanität“

Um bewusst den profanen Bereich zu verlassen und in den Tempel gehen, schmücken Zeichen und Symbole den Raum.

„Wir haben Zylinder auf, haben schwarze Anzüge an, den Maurerschurz, Täschchen. Dieser bewusste Wechsel von der profanen Welt in den Tempel braucht Symbole – wir lassen die Sorgen der Welt da draußen.“

Klaus beschrieb uns die Codes im Tempel der Loge und erklärte uns die klassischen Symbole der Freimaurerei:

  • Winkel: „Sind wir am rechten Winkel für unser Tun?“

  • Zirkel (Zeichen für die Unendlichkeit), die das Gebiet andeuten, in dem Freimaurer agieren sollten und wirken.

  • Das Symbol für das Senkblei: „Schau in dich, bist du im Lot?“, meint das Hier und Jetzt, Fokus statt innerer Unruhe

  • Die Winkelwage: „Stehen wir uns und zu anderen im rechten Verhältnis?“

  • Der 24-zölliger Maßstab: „Wann muss ich was tun?“ , die work-life-balance

  • Der Hammer: Recht und Ordnung des Systems in dem wir sind und deren Hierarchie (keine Parallelgesellschaft mit eigenen Rechten)

  • Die Zahl 3: Dreieck, 3 Kerzenleuchter, Das Auge mit den 3 Richtungen: Weisheit , Schönheit (Inspiration), Stärke (Kraft für Dauer). Oft würde es nur den Freimaurern zugeordnet aber das sehende Auge kenne aber auch schon die christliche Dreifaltigkeit, Mesopotamien usw. als heilige Zahl

  • Spitzhammer und der unbehauene Stein: Die Idee ist es, daraus einen Kubus zu schaffen. „Fügt euch zum Tempelbau der Humanität zusammen!“

  • Schwert: Symbolisch hat man damit die Baustelle gesichert. Und hier den Glauben an Humanismus, Toleranz, Offenheit.

„Wir treffen uns ein Mal im Monat zur rituellen Arbeit im Tempel mit viel Musik, Zwiesprachen und Symbolen. 50 bis 60 Freimaurer kommen herein, verneigen sich gen Osten (das G) und überall ist die Farbe Blau. Drei Kerzen stehen für Weisheit, Schönheit, Stärke – die Reihenfolge des Anzündens hat symbolische Bedeutung. Dann werden ganz langsam die LEDs hochgefahren, wir öffnen das Tagwerk. Wenn das Tagwerk abgeschlossen ist löschen wir die Kerzen. Beispielsweise wird dann gesagt: Das Licht der Weisheit möge weiterleuchten.“


In der Kommunikation und im Branding sind diese Erkennungszeichen und Symbole ebenso essenziell. Klaus vertrat einen klaren Standpunkt:

„Die Verschwörungstheorien entstehen, weil die Freimaurer nicht nach außen kommunizieren. Es empfiehlt sich, sich mit den tieferen Ideen der Freimaurer auseinanderzusetzen.“

Eine Loge kann man nur mit Erkennungszeichen betreten. Diese kamen ursprünglich auf, um sich vor Werksspionage zu schützen. Die Lehrlingsloge zu betreten erfordert das Kennwort der Loge und des Grades (Lehrling, Geselle, Meister) sowie der Symbolkombination („Und für die muss man die Symbole verstanden haben!“).

Wenn „es regnet“ gesagt wird ist gemeint, nicht geschützt zu sein. Die Bedeutung liegt darin begründet, dass früher im Kirchenbau der Zugang nur über das Dach möglich war. Diese Geheimsprache der Freimaurer übersetzt bedeutet „es ist ein Nicht-Freimaurer anwesend“.

Zur Philosophie der „Marke“: Aufgaben, Geheimnisse und Verschwiegenheit

„Erkenne dich selbst“, beschrieb Klaus den Leitgedanken der Freimaurerei, welcher meint: „Hinterfrage deine Glaubenssätze. Wir sind das Ergebnis von den Gedanken anderer – da sind wir bei den Symbolen, die ja auch die Werbung nutzt. Erst wenn man sich dessen bewusst ist, kann man das System infrage stellen uns sich vom ihm erheben.“

„Du musst die Meinungen eines anderen nicht teilen, aber du musst versuchen, sie zu verstehen.“

In den Freimaurer-Logen werden philosophische Themen diskutiert. Klaus dazu: „Solche, die man draußen nicht besprechen will. Der Sinn des Lebens, was ist der Grund warum wir hier sind – wurde erst letzte Woche diskutiert. Warum dürfen wir hier leben und nicht in einem syrischen Bergdorf? Nutzen wir es, Teil des 1% zu sein, indem wir unsere Gesellschaft vorantreiben?“

„Wenn man einen Freimaurer fragt, woran er glaubt sagt er oft‚ das ist ein Geheimnis‘, gleichzeitig ist das bewusste Runterfahren, die Zeit der Konzentration, des Reflektierens etwas sehr Persönliches und schwer zu erklären“, so Klaus. „Die Treffen sollen die Zeit anhalten, um uns daran zu erinnern, was wir machen können. Und natürlich sind auch das gesellige Miteinander und die Vereinsmeierei zentral – wie in jedem Verein.“

Verschwiegenheit bedeutet für Klaus, den Blick nach Innen zu richten, Stärke zu entwickeln, die man nicht kommuniziert. „Der Einfluss der Freimaurerei wird überhaupt nicht erklärt. Aber: wir sind nicht an 9/11 beteiligt und nicht für die Flüchtlinge verantwortlich. Wir arbeiten für uns, wir sind geschlossen. Wir sollten uns in der gesellschaftlichen Aufgabe fragen wie Goethe, Voltaire, Leonardo Da Vinci, Izaak Rabin, Attatürk oder auch Karl Heinz Böhm: Was können wir verbessern?“

Für 240 € sind Mitglieder jährlich dabei. Aber wie wird man Freimaurer?

Akquise gibt es nicht. Pro Jahr werden zwei Personen in Bambergs Loge aufgenommen und die Gelegenheit erhält nur, wer sich bei der Loge meldet um zu Gästeabenden mit Kurzvorträgen eingeladen zu werden. „Wir machen keine spirituellen Übungen, dennoch kommen häufig Esoteriker, Lichtwesen, Bäume-Umarmer. Wir haben keinen heiligen Gral.“, lachte Klaus.

Im Aufnahmeritual wird gekugelt: „Jedes Mitglied unserer Bruderkette hat eine schwarze und eine weiße Kugel. Wenn mehr als drei schwarze Kugeln aufgelegt werden, dann ist eine Aufnahme ausgeschlossen – wenn mehr als drei, dann haben die schwarzkugelnden Brüder 48 Stunden Zeit, ihre Motivation mitzuteilen.“ Klaus entscheidet dann, beispielsweise gegen einen Swingerclub-Betreiber, denn dieser sei kein „freier Mann mit gutem Ruf“ gewesen.

„Man muss hier keine Blutabgaben machen, sich ausziehen oder opfern sondern: Man betritt den Raum mit verbundenen Augen, weiß also nicht wer da ist und muss vertrauen wer einen führt.“ Nachdem der Novize „seinem Metall und seiner Ehrenzeichen beraubt“ wurde, also Schmuckstücke abgegeben hat, wird ein Hosenbein und der Hemdkragen hochgekrempelt (um zu sehen ob auch kein Schmuck versteckt sei) und dann wird er mit einer feierlichen Rede aufgenommen.


Sie findet in einer „dunklen Kammer“ mit Tisch und Totenschädel statt und bezieht sich auf die Sanduhr (die Zeit die dir bleibt) und das heilige Buch (das ist die Wertegemeinschaft, in Deutschland und Österreich die Bibel, in Frankreich ein leeres weißes Buch, in der Türkei Koranschriften). Die Brüder bilden eine Kette um ihn (ähnlich wie wenn ein Mitglied beerdigt wird) und man erhält die Erkennungszeichen.

„Finden kann man Freundschaft und Solidarität aber nichts, was man für das berufliche Leben brauchen kann. Geschäftsfreimaurerei ist bei uns sehr unpopulär, wer hier Business betreiben will wird sehr schnell wieder ausgeschlossen.“

„Freimaurer sind keine bessere Menschen, aber sie sollten versuchen, bessere sein zu wollen. Was bist du wert, wenn du Titel und Materie nicht mehr hast?“

Für Klaus geht es im Kern darum: „Werde dir jeden Tag bewusst, dass dein Leben endlich ist. Mach was draus.“ Die Stufen der Erkenntnis lassen sich am sogenannten „Alter“ der Mitglieder erklären. „Niemand kann versprechen, ein besserer Mensch zu werden. Aber wir wollen in einer Gesellschaft leben, wo Menschen mal den Spitzhammer zur Hand nehmen, um an sich selbst zu arbeiten.“

Die Freimaurer sind der letzte Symbolbund und Mysterienbund. Warum es die Freimaurerei heutzutage noch brauche, beantwortete uns Klaus im politischen Kontext: „Wir stehen heute erneut vor Strömungen von denen wir dachten, das kann nie wieder passieren.“

 
 
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